Auf der Suche nach der verlorenen Wildheit

Ein paar Gedanken

„Sei nicht so wild!“ Wie oft habe ich diesen Satz in meiner Kindheit gehört, doch ich wollte springen, tanzen, mich bewegen. Mit dem Beginn der Schulzeit wurde es nicht besser: Stillsitzen, Zuhören und Langeweile! Denn immer war ich zu schnell mit den Aufgaben fertig und zappelte herum. Zuhause schlugen wir vom Schreibtisch aus Saltos in unsere Betten bis der Lattenrost durchbrach und wir auf dem Boden schlafen mussten. Wir fingen Maulwürfe mit den Händen und bewunderten ihre kleinen Pfötchen, wir schliefen in Baumhäusern und gruben Erdhöhlen in Großmutters Garten. Später verbrachten wir manche Sommernacht am Lagerfeuer, galoppierten mit dem Pferd über die Wiesen, fuhren den Traktor über die Felder, lange bevor wir einen Führerschein hatten.

Doch das alles empfand ich nicht als wild, sondern als natürlich. Meine Freundin hingegen sagt, wild sei etwas erst dann, wenn man verbotene Dinge mache. Was also ist Wildsein wirklich?

Andreas Weber schreibt, Wildnis galt lange Zeit als „Metapher der Schrankenlosigkeit“, als ungeordnet und gesetzlos. Wild sei heute vor allem das Nachtleben in den Metropolen, das Treiben an den Börsen, in den Konzernen. Genau diese Art von Wildheit, die lediglich ungehemmt Bedürfnisse zu befriedigen wünscht, zerstöre jedoch die biologische Wildnis.

Vor zweitausend Jahren wurde der Satz „Macht euch die Erde untertan“  in der Bibel festgehalten und seither fleißig tradiert. René Descartes griff diesen Faden auf seine Weise auf und war fest davon überzeugt, der Mensch müsse sich zum Herrn und Eigentümer der Natur machen und alles Wilde bändigen: die Natur, die Elemente, die wilden Tiere, also auch – so könnte man sagen – lebensbedrohliche Krankheiten, Sklaven, Leibeigene, Industriearbeiter und auch tobende Kinder.

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher war im 18. Jahrhundert einer der ersten, der sich vehement gegen die Vorstellung wehrte, man müsse alles Wilde und Böse aus den Kindern prügeln, damit sie ordentliche Menschen werden. Gewalt schien ein gutes Mittel gegen das so genannte Wilde zu sein:

So hat der Mensch im Zirkus Bären und Löwen zum Affen gemacht, Wälder gerodet und Tiere zu Tausenden in Ställe gepfercht. Er hat Esel geschunden, wilde Flüsse in Kanäle gezwängt, Dörfer in Stauseen ertränkt und künstliche Inseln kreiert. Er hat Tomaten gezüchtet, die nicht mehr faulen und sich wunderbar tausende von Kilometern transportieren lassen.

Von den 400 000 Pflanzenarten dieser Erde sind 4800 Kulturpflanzen. Wirtschaftlich genutzt werden nur noch 160. Wir haben das Wilde aus dem Leben geschafft und uns dabei der Vielfalt beraubt. Das ist im besten Falle nur langweilig – letztlich schmeckt mittlerweile jeder Salatkopf aus dem Supermarkt irgendwie gleich. Doch die Sache ist dramatischer. Der Biologieprofessor Bernd Lötsch schildert: „Als man in Amerikas Weizenanbaugebieten (wie Montana) dem Streifenrost nicht mehr Herr wurde, brachte erst das Einkreuzen eines türkischen Wildweizens die rettende Resistenz (…) Als Asiens Reisanbau am „rice grassy stunt virus“ (RSGV) niederbrach, fand sich am Internationalen Reis-Institut in Kalkutta unter rund 6000 Reisproben, die auf Resistenz geprüft wurden, nur eine (!) (halb-)wilde Varietät (oriza nivara) zur rettenden Einkreuzung.“

Während wir das Gefährliche und Chaotische, das wir der wilden Natur zugeschrieben haben, bändigen wollten, haben wir auf der anderen Seite eine wilde Gier nach immer mehr und immer größer entwickelt, die uns nun zunehmend die Lebensgrundlage entzieht. Es könnte durchaus sein, dass wir in Zeiten von Klimawandel und den unübersehbaren Resultaten unserer ausbeutenden Lebensweise, Wildheit aus einer neuen Perspektive anschauen und anders bewerten müssen.

Andreas Weber betont, dass wir Wildheit nur begreifen können, wenn wir unsere eigene Wildheit, „unsere Rolle im Ganzen der Dinge akzeptieren“. Wir müssten zunächst die „wilde Wirklichkeit“ verstehen, indem wir begreifen und akzeptieren, das kein Lebewesen ohne das andere leben kann, dass jedes Lebewesen eingebunden ist in lebensspendende, aber auch todbringende Prozesse und letztlich immer irgendwann anderen Lebewesen wiederum als Nahrung dient. Lebewesen und deren jeweilige Lebensräume seien nicht voneinander zu trennen. Jeder Organismus sei frei. „Für kurze Zeit zwingt er die Materie in die Form seines Begehrens“; gleichzeitig sei er aber auch auf die beständige Präsenz andere Organismen angewiesen. Dieses „Paradoxon der Wildnis“ sei letztlich ein „ausgefeiltes Modell der Teilhabe“.

Aber können wir diese Teilhabe überhaupt noch begreifen? Kinder sitzen heute wochenlang im Lockdown zuhause oder spielen draußen mit Maske Fußball.  Erwachsene starren im Home Office stundenlang auf den Bildschirm und die Augen werden immer schlechter, die Rücken immer krummer. An welcher Stelle spüren wir noch etwas von unserer ursprünglichen Energie, von einer gesunden Wildheit, von einem authentischem Leben als Natur-Wesen, das – ob wir nun wollen oder nicht – Teil der Natur ist und in und mit ihr lebt? Es reicht nicht aus, einmal im Jahr in den Ferien im Zelt zu übernachten oder einen Sonntagsspaziergang im nahe gelegenen Wald zu machen. Nur, wer eine Beziehung zu seiner eigenen Natürlichkeit hat, zu seiner wilden Ursprünglichkeit, kann diese auch in der Natur wahrnehmen. Anderenfalls wird sie zum Ding und der Mensch zu einem Wesen, das nur noch funktioniert.

Tina Welling fordert in ihrem Buch „Writing Wild“ die Leserinnen auf, den Körper wieder zu bewohnen; sie betont, dass wir häufig überhaupt nicht in uns sind  und uns die meiste Zeit nur wie von außen betrachten. Sitzt die Frisur, die Krawatte, der Lidschatten? Welchen Eindruck machen wir auf andere? Das Betrachten von außen erscheint uns wichtiger als das Spüren von innen. Sie beschreibt einen Kunden, der in einem Outdoor-Geschäft an die Bar kommt, über seit Tagen andauernde Magenschmerzen klagt und gleichzeitig einen harten Drink und einen süßen Riegel bestellt. Können wir unseren Körper wieder wirklich bewohnen, spüren lernen, was er braucht und entsprechend handeln? Nur wenn wir unseren eigenen Körper pfleglich behandeln, können wir auch den viel größeren Körper Erde pfleglich behandeln.

Andreas Weber geht noch weiter und betont, nur wenn wir im Leben auch den Tod akzeptieren und das Sterben als Teil des Lebensprozesse wahrnehmen lernen, kann eine „Kultur der Wildnis“ entstehen:
„Wild ist jenes Leben, das nicht allein seinen eigenen individuellen Gesetzen, sondern zugleich jenen der Lebendigkeit selbst folgt. Das aus Leben mehr Leben macht, aber nicht nur aus dem eigenen, sondern aus dem aller“. Wie aber können wir der Lebendigkeit wieder vermehrt folgen, achtsamer werden für Lebensprozesse?

„Wildnis ist innen, ist eine Haltung“, schreibt Andreas Weber. Man müsse das Leben wieder in die Mitte stellen, das heißt, eine „schöpferische Produktivität“ entfalten: Den Maulwurf in der Hand, Erdhöhlen graben, auf dem Rücken der Pferde über die Felder galoppieren – all das hat mein In-der-Natur-Sein geprägt. War ich also doch wild?

 

Die Zitate von Andreas Weber stammen aus dem Artikel „Wild und gefährlich“:

https://lesen.oya-online.de/texte/215-wild-gefaehrlich.html

 

Zum Weiterlesen:

Weber, Andreas (2207): Alles fühlt: Mensch Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften. Berlin: thinkOya.