Joanna Macy – Eine Bodhisattva ist gegangen
Am 19. Juli 2025 ist Joanna Macy im Alter von 96 Jahren in Berkeley, Kalifornien friedlich
gestorben. Ihre Schülerin Gabi Bott würdigt die buddhistische Lehrerin, Umweltaktivistin und
Systemtheoretikerin, die westliches Denken mit tiefer spiritueller Erfahrung verbunden und
Generationen dazu inspiriert hat, den Schmerz in der Welt nicht zu fürchten, sondern als Quelle
von Mitgefühl und Handlungskraft zu erfahren.
Eine Würdigung von Gabi Bott:
„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.“
Rainer Maria Rilke
Dieses Gedicht von Rainer Maria Rilke war eines von Joanna Macys Lieblingsgedichten –
vielleicht sogar ihr liebstes. Sie zitierte es oft in ihren Workshops, Trainings und Vorträgen. Ihre
Autobiografie nannte sie „Widening Circles“, ebenso eine ihrer zahlreichen Übungen.
Das Gedicht stelle ich an den Anfang der Würdigung meiner geliebten Lehrerin, die mich in den
vergangenen 28 Jahren begleitet hat; denn für mich hat sie diese Verse gelebt – bis zu ihrem letzten Atemzug. Diesen tat sie am 19. Juli 2025, im Alter von 96 Jahren, zuhause in Berkeley, Kalifornien.
Sie überschritt die Schwelle friedlich, im Kreis ihrer Liebsten.
Von der Bürgerrechtsbewegung nach Nordindien
Begonnen hat ihre Reise in diesem Leben 1929 in einem christlichen Elternhaus in New York.
Nachdem sie in Paris Politikwissenschaft studiert hatte, arbeitete sie zunächst für das US
amerikanische Außenministerium. Ihr Engagement in den 1960er-Jahren in der
Bürgerrechtsbewegung gegen Rassismus, atomare Aufrüstung und den Vietnamkrieg führte sie
1965 mit dem Peace Corps nach Nordindien, wo sie die Menschen eines tibetischen Exildorfs
unterstützte. Dort kam sie mit dem Dharma in Kontakt und erhielt Unterricht von einem dort
lebenden Rinpoche.
Zurück in den USA studierte sie Religionswissenschaft und Allgemeine Systemtheorie, worin sie
auch promovierte. Das Thema ihrer Dissertation lautet „Gegenseitige Kausalität im Buddhismus
und Allgemeine Systemtheorie“. Später lehrte sie als Professorin an verschiedenen Universitäten in
der San Francisco Bay Area in Kalifornien.
Verzweiflung in Mut wandeln
Joanna heiratete und bekam drei Kinder. Ihre Liebe zur Erde, ihr Interesse an innerem Wachstum
und ihr Engagement für das Leben brachten sie und ihre Familie an viele verschiedene Orte auf der
Welt. Als Antiatomaktivistin suchte sie in Zeiten der atomaren Aufrüstung nach einem Weg, nicht
zu verzweifeln und handlungsfähig zu bleiben. Sie organisierte Treffen mit Menschen, denen es
ähnlich ging. Sie saßen in Kreisen und entdeckten gemeinsam, dass Verzweiflung sich in Mut
wandelt, wenn man sie ausspricht – unter Zeuginnen und Zeugen, die aktiv zuhören, ihre Präsenz
schenken und keine Ratschläge geben.
Das war in den 1970er-Jahren der Beginn der tiefenökologischen Arbeit, wie auch ich sie später
kennengelernt habe. Zunächst sprach Joanna von „Despair Work“, Verzweiflungsarbeit, oder auch
von einem Weg „von der Verzweiflung zur Ermutigung“. In der Begegnung mit anderen Menschen
hatte sie erleben können, wie wohltuend, unterstützend und stärkend es ist, wenn wir in geschützten
Räumen unseren Schmerz in der Welt würdigen – gemeint sind damit Wut, Angst, Trauer, Scham
oder Ohnmacht. Dabei ist es unwichtig, ob unser Schmerz angesichts der globalen Zerstörung und
des Zusammenbruchs der Systeme entsteht oder weil wir etwas verlieren, was wir lieben. Es gibt
keine Trennung zwischen persönlichem und globalem Schmerz. So oder so möchte er uns als SOS
Signal darauf hinweisen, dass es etwas gibt, was unsere Aufmerksamkeit braucht. Entscheidend ist,
dass wir uns darin üben, vor starken Gefühlen keine Angst zu haben, sondern sie zulassen.
Leben ist ein Prozess, alles wandelt sich von Moment zu Moment – und so nehmen wir auch den
Wandel der Gefühle wahr, wenn sie uns besuchen. In diesem Prozess kann unsere Angst manchmal
so intensiv werden, dass wir meinen, unser Herz könne zerbrechen. In solchen Augenblicken sagte
Joanna: „Hab keine Angst. Ein Herz, das zerbricht, kann die ganze Welt aufnehmen.“ Sie meinte
damit, dass uns der Schmerz unsere Verbundenheit zur Welt fühlen lässt und unser Mitgefühl stärkt.
Liebe und Mitgefühl erfahren wir nicht, wenn wir unsere Gefühle verdrängen, sondern wenn wir
uns öffnen – „Für das Leben! Ohne Warum“, wie sie es als Titel für eines ihrer Bücher ausgedrückt
hat.
Der Beginn der Tiefenökologie
Aus ihren Erfahrungen entwickelte sie Workshops, die sie „Deep Ecology“, Tiefenökologie, nannte.
Menschen kommen zusammen, stellen sich und dem Leben Fragen und erforschen Ursachen –
äußere wie innere. Dieses Forschen geschieht auf allen Ebenen: denkend, fühlend, erkennend.
Joanna hat zahlreiche Übungen und Rituale entwickelt, um solches Wissen erfahrbar zu machen.
Oft beschränken wir uns ja auf die Bekämpfung unangenehmer Symptome. Doch erst wenn ich die
Ursachen meiner Schmerzen erkenne und sie annehme, sei es im persönlichen, gesellschaftlichen
oder politischen Bereich, kann ich darauf hinwirken, sie so zu verändern, dass spätere Symptome
gar nicht erst entstehen.
Alles ist mit allem im wechselseitigen Austausch und voneinander abhängig. Das ist eine
Grundaussage des historischen Buddha vor 2 500 Jahren – und zugleich eine zentrale Erkenntnis
der wissenschaftlichen Systemtheorie, die gerade mal acht Jahrzehnte alt ist. Als buddhistische
Lehrerin war der Dharma für Joanna die Grundlage und innere Haltung ihrer Arbeit, die sie in
späteren Jahren „The Work That Reconnects“ nannte – die Arbeit, die wieder verbindet. Damit hat
sie die Absicht der Arbeit beschrieben: uns wieder zu verbinden mit uns selbst und unserer Mitwelt,
mit allem, was ist, war und sein wird.
Übungen, die helfen unser Wissen zu fühlen
So hat sie auch die „Tiefenzeit“ entwickelt, einen Zyklus von Übungen, die uns in unserer Zeit
wieder heimisch werden lassen. Wir erleben darin unser Eingebundensein in die
Evolutionsgeschichte und erkennen, dass unser gegenwärtiges Leben nur in einem größeren
Zusammenhang möglich ist. Wir stammen von einer ununterbrochenen Linie von Vorfahren ab, die
alle überlebt haben. Unser Dasein hat nicht erst mit den Menschen begonnen, sondern unserer
menschlichen Existenz sind unzählige andere Lebensformen vorangegangen, deren Verwandtschaft
wir durch Imagination und Körperempfindung spüren können. Wenn wir dieses tiefe Verbundensein
spüren, lernen wir auch, uns als Vorfahren künftiger Generationen zu begreifen und zu handeln. Die
Native Americans sagen: „Bei unseren jetzigen Entscheidungen berücksichtigen wir, welche
Auswirkungen sie in sieben Generationen haben werden.“ Was für ein weiter Horizont! Ein solches
Mitdenken der nächsten Generationen gibt es nicht in der industriellen Wachstumsgesellschaft –
dort zählen Wachstum, Geld und Macht, und nicht, auf wessen Kosten sie generiert werden.
Geschichten
Joanna war eine Geschichtenerzählerin. In ihrem Büchlein „Fünf Geschichten, die die Welt
verändern“ lädt sie uns zu einer neuen Sicht auf die Welt ein. Sie berichtet darin von Begegnungen
mit Menschen rund um den Globus, die ihre Sicht auf das Leben verändert haben.
Oft sprach sie in ihrer Arbeit auch von den drei Geschichten, in denen wir in der jetzigen Zeit
gleichzeitig leben. Die erste nennt sie das „Auseinanderfallen der Systeme“: Immer mehr Systeme,
ob ökologisch, sozial oder ökonomisch, kollabieren. Die Ursache liegt in der zweiten Geschichte:
„Business as usual“ – das Weiter-Schneller-Höher einer Welt, in der Wachstum und Macht für
wenige wichtiger sind als das Wohl vieler und die Unversehrtheit der mehr als menschlichen Natur.
Die dritte Geschichte ist „Der große Wandel“ – der Übergang von der industriellen
Konsumgesellschaft zu einer lebensförderlichen Zukunft für alle, in der ein systemisches Weltbild
selbstverständlich ist.
Dieser Wandel geschieht laut Joanna in drei Dimensionen, die einander verstärken. Die erste
Dimension sind „aufhaltende Aktionen“ – Proteste gegen zerstörerische Projekte, um die weitere
Ausbeutung der Erde und aller Wesen zu stoppen. Die zweite Dimension beginnt mit der Analyse
bestehender Verhältnisse: Wir erkennen, was nicht lebensförderlich ist, und beginnen, Alternativen
aufzubauen. Die dritte Dimension schließlich ist der Werte- und Bewusstseinswandel – eine neue
Sicht auf die Welt, genährt durch Retreats, Bücher, Gespräche, Erkenntnisse und Einsichten. Nur
wenn wir alle drei Dimensionen beleben, kann sich der Wandel vollziehen. Keine ist wichtiger als
die andere. Als einzelne Menschen müssen wir nicht auf allen zugleich aktiv sein. Doch es
verbindet und stärkt, wenn wir wissen, dass andere Menschen auf den anderen Dimensionen
unterwegs sind.
Das Symbol der Spirale
Joanna betonte auch immer wieder: „Liebe das Nichtwissen.“ Wir wissen nicht, was kommen wird.
Auch wenn die Zukunftsszenarien im Moment düster aussehen, können wir nicht sagen, was davon
sich auf welche Weise realisieren wird. Die Erde ist lebendig, alles im ständigen Wandel, Zukunft
entsteht im Jetzt. Darum war es ihr wichtig, dass wir uns in Präsenz üben und darin, wach und offen
in die Welt schauen – ohne zu verdrängen, ohne anzuhängen, ohne uns in Illusionen zu verlieren.
Als Symbol für ihre Arbeit hat sie die Spirale gewählt – ein Zeichen der Bewegung, die niemals an
denselben Punkt zurückkehrt. Auf dieser Spirale gibt es vier Entwicklungsphasen: Im Osten steht
die Dankbarkeit. Als Ressource bildet sie die Grundlage des zweiten Punktes im Süden, „Würdigen
des Schmerzes in der Welt“. Seine SOS-Signale gilt es zuzulassen und unserer inneren Antwort zu
lauschen. Es folgt „Mit neuen Augen sehen“ – eine neue Sicht auf die Welt zuzulassen, was
wiederum zum vierten Punkt im Norden führt: „Zum Handeln kommen“. Die vier Punkte geben
Orientierung im Prozess, und durch unser Handeln erfahren wir Hoffnung.
Ist es nicht wunderbar?
Ich selbst habe Joanna vor 28 Jahren kennengelernt – einen wachen, lebendigen Menschen. Mit das Erste, was ich von ihr hörte, war: „Ist es nicht wunderbar, in dieser Zeit auf der Erde zu leben? Eine Zeit, die so viele Möglichkeiten des Wandels bietet! Es ist ein unermessliches Geschenk, jetzt lebendig zu sein – in einem sich selbst organisierenden Universum teilzuhaben am Tanz des Lebens, ihn mit allen Sinnen zu erfahren, ihn mit unseren Lungen ein- und auszuatmen, uns von ihm zu nähren. Das ist ein Wunder ohnegleichen. Und noch mehr: Uns ist ein Leben gegeben mit einem selbstreflexiven Bewusstsein, das uns unser eigenes Handeln bewusst macht und uns befähigt zu wählen. Wir haben die Wahl, die Selbstheilungskräfte der Erde zu stärken. Das ist ein außergewöhnliches Privileg.“
Vom ersten Moment an hat mich die Dankbarkeit in ihrem Wesen berührt – eine tiefe, leuchtende
Dankbarkeit für das, was ist. Sie strahlte aus und steckte an. Durch sie habe ich Dankbarkeit als
Ressource in mir kennengelernt und erfahren, welche unterstützende Kraft sie entfaltet in einer
zunehmend chaotisch werdenden Welt. Weil Dankbarkeit nicht von äußeren Umständen abhängt,
kann ich mich ihr jederzeit zuwenden – und so aus der Rolle eines Opfers der Verhältnisse
hinaustreten.
Einladung zu einem Perspektivwechsel
Joanna, eine Bodhisattva, die unzählige Menschen weltweit inspiriert hat – durch ihr Wesen, ihre
Art, das Leben zu sehen und zu lieben. Sie hat mich und viele, viele andere immer wieder zu einem
Perspektivwechsel eingeladen: die Welt als unsere Geliebte zu betrachten. Uns hineinzuversetzen in ein mehr als menschliches Wesen und zu spüren, wie es ihm geht. Den Mut zu haben, starke Gefühle zuzulassen und zu erleben, wie sie sich verwandeln – in Lebensfreude und Tatkraft.
Joannas spielerische und kreative Art, Menschen dazu einzuladen, dass sie sich wieder miteinander
und mit der Erde verbinden und durch Handeln Hoffnung spüren, ist ein unendlich großes
Vermächtnis, das sie uns hinterlässt. Es lebt in vielen von uns weiter.
Joanna Macy lebte ihr Leben in wachsenden Ringen. Ob sie den letzten vollbracht hat, wage ich
nicht zu beurteilen. Doch dass sie ihn versucht hat, dessen bin ich mir sicher – so, wie ich sie erlebt
habe. Es erfüllt mich mit unbeschreiblicher Dankbarkeit, ihr in diesem Leben begegnet zu sein, und
mit Freude teile ich die von ihr geschaffene Arbeit: Leid anzuerkennen, seine Ursachen zu
ergründen, zu erleben, dass Leid beendet werden kann – und den Weg hinaus zu gehen.
Mögen die Menschen sich wieder verbinden mit ihrer Buddhanatur und zum Wohle aller Wesen
denken, fühlen und handeln.
Weitere Informationen
workthatreconnects.org
Im Mai 2026 bietet Gabi Bott im Haus Engl einen Workshop an:
„Handeln aus dem Herzensgeist – Wie kann ich als Bodhisattva in der Welt im Wandel
mitwirken?“
Weitere Informationen auf
gabibott.de oder
seminarhaus-engl.de







