Kein Dach mehr über dem Kopf

Kein Dachmehr über dem Kopf

Ein paar Gedanken
Als Kind hatte ich eine kleine Hamsterdame: Legte ich ihr eine Knabberstange in den Käfig, so schob sich Henriette die Stange quer in ihre Backen und kam dann nicht mehr durch die winzige Tür ins Hamsterhaus. Okay! Sie war clever! Sie spuckte die Stange wieder aus, ging durch die Tür, hob mit ihrem Körper das Plastikdach vom Haus, schob sich die Knabberstange erneut quer in ihre Backen und stieg über das Dach ins Häuschen. Fortan lebte sie ohne Dach über dem Kopf.

Leben auch wir ohne „Dach über dem Kopf“?
Unsere heutigen Wohnungen kennen keine Speisekammer – dafür haben sie eine Mikrowelle, um die Pizza aus dem Supermarkt aufzubacken. Auch einen Vorratskeller gibt es selten, denn der ist der Tiefgarage gewichen. Schließlich müssen die Autos geschützt werden. Vorgärten, wenn sie nicht zum Parkplatz wurden für die Zweit- und Drittwagen, sind mit Schotter in unattraktive Steinwüsten verwandelt, sodass nicht einmal mehr ein Schnittlauch Platz zum Wachsen findet …

Während im 19. Jahrhundert noch die Kühe im Londoner Hydepark grasen durften, weil man die Stadtbevölkerung mit frischer Milch versorgen wollte – und es noch an Kühlanlagen fehlte – kaufen wir heute mehr oder wenige alle Lebensmittel im Supermarkt: zumeist vorgefertigt, vorgekocht, vorgekaut …

Wir produzieren Verpackungsmüll ohne Ende, unsere Lebensmittel enthalten immer mehr Zusatzstoffe, damit sie transport- und lagerfähig sind und viele Menschen haben das Kochen völlig verlernt oder vielleicht sogar noch nie gelernt. Unsere Kinder werden morgens zum Bäcker gefahren, um sich ein belegtes Brötchen für die Schule zu holen. Die etwas Älteren besorgen sich einen Coffee-to-go und mittags oder abends winken für die Erwachsenen an jeder Ecke günstige Restaurants. Hauptsache alles bequem und zeitsparend: Keinen Salat waschen, keine Kartoffeln schälen, kein Huhn rupfen.

Und dann kommt plötzlich so ein kleiner, fieser Virus daher und die Leute stellen fest, wie abhängig sie eigentlich alle miteinander sind: Die medizinischen Hilfsmittel kommen aus China, die Tomaten aus Spanien, die Kartoffeln aus dem fernen Peru und im und ums Haus gibt es nichts, was man essen könnte. Also, schnell los, die Backen – äh, die Taschen vollstopfen – so viel man tragen kann – auch wenn man nicht mehr zur Haustür hineinkommt mit den sechs mal acht Rollen Toilettenpapier.

Immerhin gehen die Menschen aber noch einkaufen – im Supermarkt um die Ecke. In der Zwischenzeit stellt Amazon 100 000 Mitarbeiter ein, um die Nachfrage decken zu können. Das Shoppen muss weitergehen, egal wie. Wenn nach der Corona-Krise der Einzelhandel völlig am Boden liegt, freuen sich die ganz Großen und auch unsere Abhängigkeit ist weiter gewachsen.

Seit Menschengedenken galt es als überlebenswichtig, jagen und sammeln zu können, Feuer machen und Kochen zu können, sich ein Bett bauen zu können. Vielleicht macht es Sinn, die Schnäppchenjagd wieder mit echtem Wahrnehmen und Wichtignehmen der eigenen Lebens-Mittel zu tauschen.

Einer meiner Studierenden ist für vier Tage und Nächte in die Berge gegangen, um das Thema Wasser zu erspüren. Er schreibt: „… nur mit einem Schlafsack und den nötigsten Gegenständen als Ausrüstung. Mehrere Tage also mit niemanden reden, niemanden sehen, ohne Nahrung." Er wollte seine Ängste und Grenzen besser kennenlernen – ja, warum nicht? Es gäbe heute wahrscheinlich keinen Yosemite Nationalpark, wäre nicht auch Roosevelt vier Tage und Nächte draußen in der Natur gewesen und hätte sie wirklich erfahren …

Dies ist kein Plädoyer dafür, die vorindustrielle Agrarwirtschaft wieder einzuführen, in der jeder im Hausgarten seine eigenen drei Karotten zieht und ein Schwein füttert.Wir sollten nicht zurück-, sondern weiterdenken. Es geht um ein anderes Bewusstsein. Im Training der Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR), einer Methode, in der Achtsamkeit geübt wird, gibt es eine Übung, während der man eine Rosine erforscht: riechen, anschauen, die Rillen wahrnehmen, lauschen, wie es klingt, wenn man sie drückt, sie rollen oder kneten – und auch darüber nachdenken, welchen Weg sie bis in unsere Hand zurückgelegt hat. Wer hat die Rebe gepflanzt, an der sie gewachsen ist, wer sie gepflegt? Welche Hände haben die Rosine geerntet, getrocknet, sortiert, verpackt? Wer hat das Verpackungsmaterial hergestellt und verschickt? Wer das Ganze im LKW transportiert, wer sie einsortiert im Supermarkt …? Die kleine Rosine kann uns die große Vernetzung unseres Nahrungssystems verdeutlichen!
Zurzeit erscheint der Begriff systemrelevant in einem neuen Licht. Bisher galten Banken und Finanzgeschäfte oder die Dividende der Shareholder als systemrelevant. Nun bemerken wir, dass ganz andere Dinge und vor allem Personen systemrelevant sind: die Krankenpfle-gerinnen, die im täglichen Dauereinsatz ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen, die Eltern zuhause, die den Schulunterricht übernehmen, die Bauern auf dem Land und vor allem die Erntehelferinnen aus den sogenannten Billiglohnländern. Die gesamte Arbeit in der Landwirtschaft sowie in den Sozial- und Bildungsberufen wurde seit jeher kaum wertgeschätzt und war von daher auch immer schon schlecht bezahlt. Obwohl sie für das Funktionieren einer Gesellschaft mindestens so wichtig ist wie Maschinen, Technologie und Kapital. Davide Brocchi schreibt auf spektrum.de

„Die britische Premierministerin Margaret Thatcher prägte in den 1980er Jahren das eigentliche Motto der neoliberalen Globalisierung: »There is no alternative.« Es gibt keine Alternative zu Liberalisierung, Privatisierung, Kapitalismus – als ob eine profit- statt gemeinwohlorientierte Ökonomie unser Schicksal sei. Eine solche Monokultur ist für Krisen jedoch besonders anfällig. (…) Für die Resilienz von sozialen Systemen ist die kulturelle Vielfalt (zum Beispiel eine plurale Ökonomik) genauso wichtig, wie es die Biodiversität für Ökosysteme ist. Kulturelle Vielfalt bietet ein breiteres Spektrum an Lösungsoptionen statt des immer gleichen Mantras vom Wachstum und Privatisierung.“

Einige wenige Gierhälse haben sich über die Jahrzehnte hinweg die Hamsterbacken vollgestopft und vielen Menschen das Dach über dem Kopf abgebaut. Vielleicht sollten wir wieder zusehen, dass wir ein Dach über den Kopf bekommen. Die Gemeinwohlökonomie hat aus TINA (There are no alternatives) TAPA gemacht: There are plenty alternatives! Es gibt viele Alternativen!

 

Zum Weiterdenken …

https://christian-felber.at/2020/03/20/neuer-vlog-von-corona-zum-gemeinwohl/

http://www.wisdom2conference.com/live

https://www.solidarische-landwirtschaft.org/startseite/

https://pioneersofchange.org/

http://www.navdanya.org/site/?